Fiktive Geschichte: Der Unterschied zwischen Trend und Stil ist oft nur schwer zu greifen. Doch wie definieren wir Trend und Stil eigentlich genau?
Eine Kundin kommt in den Shop. In der Hand ein Foto aus Instagram. Cottagecore-Quilt, gedeckte Töne, lauter kleine Blümchen. "Sowas will ich jetzt auch."
Drei Monate zuvor, dieselbe Kundin. Damals: buntes Ruby Star, Rainbow-Patchwork, je lauter je besser.
Kennst Du? Völlig nachvollziehbar, oder? Finde ich auch. Das ist normal. Viele haben einen Stoffschrank voller Projekte. Sie finden trotzdem nichts passendes. Dies ist der Grund dafür.
Kurzer Einschub, weil das hier sonst nach Belehrung klingt: Ich bin genau so. Ich stehe manchmal vor Kollektionen und denke, das ist jetzt für immer meins. Ich nähe nie wieder mit anderen Stoffen. Oft schaue ich die Stoffe später an und denke: hm. Passé.
Reden wir also mal über den Unterschied zwischen Trend und Stil. Weil er teuer ist, wenn man ihn nicht kennt.
Trend ist, was gerade alle machen.
Trend ist die Kollektion, die Moda in diesem Herbst rausgebrahct hat.
Trend ist auch der Block, der auf Pinterest seit drei Wochen überall auftaucht.
Trend ist Modern Quilting, Trend ist Scrappy, Trend ist Foundation Paper Piecing, Trend ist Cottagecore, Trend ist Coastal Grandma.
Trends sind nicht böse. Im Gegenteil, sie sind spannend. Sie bringen dich dazu, neue Techniken zu probieren und Stoffe zu bemerken, an denen du sonst wahrscheinlich vorbeigelaufen wärst.
Aber Trends haben eben auch ein Verfallsdatum. Sechs Monate, vielleicht zwölf. Dann kommt der nächste.
Und wenn du deinen Einkauf nach Trends ausrichtest, passiert Folgendes: Dein Fat-Quarter-Stapel wird zu einer Archäologie-Studie. Untere Schicht: 2022, Sechziger-Prints kommen wieder. Mittlere Schicht: 2023, Erdtöne. Obere Schicht: 2024, plötzlich Neon. Dazwischen Stoffe, die du heute nicht mehr kaufen würdest, aber sie sind halt (teuer) bezahlt.
Stil ist, was übrig bleibt, wenn der Trend durch ist.
Stil ist die Farbe, zu der du immer zurückkommst. Auch wenn sie gerade niemand trägt. Stil ist die Naht, die du ohne Nachdenken wählst. Stil ist der Quilt, den du genäht hast. Er liegt noch heute auf deinem Sofa. Er passt immer noch.
Stil ist nicht laut. Stil muss niemandem beweisen, dass er modern ist.
Du erkennst deinen Stil daran, dass er wiederkommt. Nicht weil du ihn planst, sondern weil du nicht anders kannst.
Du greifst zum gleichen Blau.
Du schneidest wieder diese Streifenbreite.
Du setzt wieder eine dunkle Umrandung, obwohl es "trendiger" wäre, ohne.
Das ist kein Mangel an Kreativität. Ganz wichtig!
Das ist dein Fingerabdruck.
Wie du den Unterschied zwischen Trend und Stil erkennst.
Eine Frage hilft: Würde ich das auch machen, wenn niemand zuschaut?
Nicht: "Gefällt es mir?" Das ist zu billig. Uns gefallen Dinge auch deswegen, weil wir sie oft auf Instagram sehen. Das nennt man "Mere Exposure"-Effect.
Sondern: Würde ich diesen Stoff kaufen, wenn ich ihn nic posten dürfte? Würde ich diesen Block nähen, wenn ich ihn nie vorzeigen könnte? Würde ich diese Farbkombination wählen, wenn ich nicht wüsste, dass sie gerade "in" ist?
Die ehrliche Antwort trennt Trend von Stil.
Du darfst natürlich Trends kaufen.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich verkaufe natürlich Ruby Star Society. Ich verkaufe liebend gern Art Gallery. Ich verkaufe freilich die neuen Fableism-Kollektionen, sobald sie reinkommen. Davon lebt der Laden.
Und du darfst das kaufen. Dein Stil passt vielleicht gut zu einer trendigen Kollektion. Ein Trend-Stoff in einem Stil-Projekt gibt oft den Kick. Das macht das Quilttop lebendig und aktuell. Das Problem ist nicht der einzelne Trendstoff. Das Problem ist ein Schrank voller Melody Miller. Dann scheint kein eigener Stil mehr durch. Außer du wärst Melody Miller.
Faustregel aus dem Laden: 80% Stil, 20% Trend. Die 80 sind deine Grundfarben, deine Lieblings-Basics, die Stoffe, die du seit Jahren in unterschiedlichen Kollektionen nachkaufst. Die 20 sind Spielwiese. Wenn du dich morgen langweilst, hast du nichts verloren.
Was das für deinen nächsten Einkauf heißt.
Bevor du den Warenkorb absendest, eine Minute Zeit:
Was kaufst du davon, weil du es brauchst? Was kaufst du, weil du es gestern im Reel sahst? Hast du den Stoff in drei Jahren noch im Schrank? Er ist dann vielleicht aus der Mode. Würdest du ihn immer noch gerne verarbeiten?
Wenn ja, dann leg ihn rein. Wahrscheinlich bist Du Deinem Stil auf der Spur.
Wenn nein, ist es Trend. Dann kauf ihn gerne trotzdem, aber vielleicht einen halben Meter weniger?
Trends sind Kirschen auf dem Kuchen. Stil ist der Teig. Und wer nur Kirschen isst...
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Wenn dir dieser Text beim nächsten Einkauf hilft, eine Entscheidung zu treffen, dann hat er seinen Job gemacht. Und wenn nicht: Dann gönn dir trotzdem den Stoff. Das Leben ist auch dafür da.




